Zum Schluss ein Blick in die Zukunft - was ist derzeit Ihr größtes Projekt?

Mein größtes Anliegen im Moment ist es, einen dicken - gedruckten - Schlusspunkt unter mein gesamtes Comicschaffen zu setzen. Bedeutet: Ich würde gern die besten Serien meiner Kauka-Zeit - nicht nur die vielen, die auf meinem Schreibtisch entstanden sind - irgendwie zu einer Art ... nun, sagen wir Werkausgabe zusammenzufassen. Ich bin in der ganz feudalen Situation, frei über die nötigen Lizenzen verfügen zu dürfen und könnte mit meiner Arbeit also sofort loslegen. Aber mir mangelt es an den Bezüge zu der jetzigen Verlagslandschaft. Das Netzwerk fehlt. Dazu ist zu viel Zeit in Spanien vergangen. Und: Der Einzelkämpfer verrennt/verbrennt sich schnell ... So liegen erst einmal fantastische Serien brach, die den Querschnitt einer ganzen Comic-Epoche spiegeln! Auch ZACK ist - auch darin gab es Primo-Serien - mit einzubeziehen. YPS aus anderem Aspekt ebenfalls. Und so ergäbe sich ein buntes „Best-of” aus all den Magazinen, die damals Comicgeschichte geschrieben haben.  (Zusatz im Jahre 2019: Mit PRIMO-Premium wurde der Traum dann doch Realität)

 

Sie meinten zu Beginn, dass die amerikanischen Comic-Importe für Sie nur als Tauschware gut waren. Hat sich denn im Verlauf Ihrer Karriere mehr Leidenschaft für das Medium entwickelt?

Das Comic-Machen war für mich immer eine Sache der Distanz zum Medium. Ich bin heute immer noch überzeugt: wenn man zu verliebt in die Materie ist, mit der man arbeitet, dann kommt man schnell in Konflikte. Zu große Affinität behindert die Kreativität. Um etwas auszuholen: In den 1960er Jahren war der Austausch von Publikationen zwischen Comic-Verlagen gleich Null. Das waren Konkurrenten, Feinde ... Für mich war das gut – ich kannte die Konkurrenz-Objekte gar nicht. Ich wusste auch nicht, was auf dem amerikanischen Markt los war. Ein Beispiel: da ich eine Schwertkämpferserie wie Andrax in Primo sehen wollte, habe ich sie eben frei von Plagiatsängsten nach eigenem Gusto entwickelt. Das ist die praktische Seite der Distanz – eine dauerhafte und unbekümmert kreative dazu. Es gab da noch die andere Art von Distanz: die von der Liebe zur Literatur geprägte. Ich wollte die klassische Literatur als Quelle und Inspiration nutzen und den damaligen Comic durchaus literarisch aufwerten – aus seiner ‚Heftl‘-Nische hebeln. Distanz also zum gängigen Spaß-Comic. Doch für Ambitionen dieser Art war damals leider nicht die richtige Zeit. Die Massenauflagen liefen und schaufelten gewaltigen Ertrag in die Verlags-Scheuern und ich hatte meinen guten Teil daran. Und da war dann die Distanz noch zu etwas anderem gut: ich wollte auch tief und fest schlafen, ohne unbedingt von Comics zu träumen.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Wiechmann.



Dieses Gespräch zwischen Jochen Ecke und mir wurde 2010 aufgezeichnet. Was hat sich danach bis heute an neuen Arbeiten ergeben?

  • Meine Kauka-Saga „Fürst der Füchse“ fand mit einem Volumen von rund 450 Druckseiten Kauka-Verlagsgeschichte ihr rühmliches Ende. Heute ist alles im Internet abzurufen. Die Zusammenfassung und Herausgabe als Buch steht noch aus. Aber nicht in meiner Regie ...
  • Das Machen der Werkausgabe von Capitan Terror bereitete mir erst sehr große Freude – die verflackerte aber nach dem Band 3 restlos. Man muss sich ja nicht mit jedem Verleger gleich herzinniglich verstehen, aber es gibt eben auch solche, mit denen geht einfach gar nichts. Also ging ich – Takelmesser zwischen den Zähnen – von Bord, und wurde dann aber für Band 5 + Band 6 noch mal als Teilchen-Zulieferer angemustert. Der Verleger hatte inzwischen gewechselt ...
  •  Eine Hommage an das spanische Abseits war die großformatige Edition Vagabundos en Camino – Landstreicher unterwegs. Zwanzig Jahre durchstreifte ich mit Jugendfreund Lehrer-Peter, Art-Direktor Pepe Ferré und Grafiker-Compañero Werner Witt immer wieder den gewaltigen Maestrazgo: 1.500 Quadratkilometer Berge, Schluchten, Wasserfälle, Geschichte mit nur 3.200 Einwohnern. Auf unseren Expeditionen waren wir froh, ab und an einen Schäfer zu treffen ...
  • Dann kam TEX & MEX – das Buch mit der Revolverkugel (Cal. 38) am Leseband und dem Durchschuss ... dem Loch durch alle Seiten. Fast vergessenes Artwork von Juan Sarompas meiner Serie TEX & MEX feierte sozusagen Archiv-Auferstehung.
  • Abstecher noch einmal in die Welt der Kinder-Kunden-Magazine: Werner Witt, meine Wenigkeit und Zeichner Julian Jordan entwickelten das sehenswertes Magazin KONRADI für eine aufstrebende Company, der dann aber die finanzielle Luft für den Luxus ‚Comic’ ausging. Leider! So muss denn die Welt auf den ultimativen Umwelt-Comic Robin & seine Waldwächter verzichten. Man sollte ihn für neue Aufgaben mobilisieren!
  • 2019 buddelt Comic-Archäologe Gerhard Förster (Sprechblase) dann mit Nachdruck meinen Comic OS CANGANCEIROS aus. Der sollte einst zu einer großen Serie von Rafael Mendez und mir werden ... vor etwa 35 Jahren. Es entstand aber wegen widriger Umstände ‚nur’ ein Scribble – aber von einer Qualität die von machen Zeichnern nicht per Reinzeichnung erreicht wurde. Gerhard drängte auf Publikation und überzeugte Eckard Friedrich – der neuen Herausgeber (BSV-Verlag) der Sprechblase – vom Projekt. Neben den immensen Arbeiten an PRIMO-Premium stellte ich ein Album mit dem Titel OS CANGACEIROS zusammen. 48 Seiten Comic, viel Redaktion über die brasilianischen Gesetzlosen, Informationen über die beiden Macher etc. etc. Insgesamt 68 abenteuerliche Seiten. Und die landeten beim Gestalter und Letterer Michael Beck – woraufhin dann der Druck und der Vertrieb erfolgt.
  • Und dann der dicke, fette Schlußpunkt unter mein 55-jähriges Engagement für den Comic: PRIMO-Premium!
    Darüber ist viel gesagt und noch mehr geschrieben worden. 150 Eigner haben die beiden Prachtbände (leder- oder leinengebunden) im Regal stehen.

Und damit genug mit der Comic-Macherei. Der 80-jährige Altmeister geht in Schaffensrente. Adios!

Peter Wiechmann


PS (Ben): Mein Vater hat im Verlauf der letzten Jahre (seit 2008) auch sehr viele seiner Gedanken, Geschichten und Hintergrundinformationen in zwei Comicforen veröffentlicht. Wer nachlesen möchte:

> Peter Wiechmanns Tagebuch
> Peter Wiechmann antwortet

 

Bei PPM wurden als Nachruf Auszüge aus einem ZACK-Interview veröffentlicht. Und: Im Magazin Sprechblase (Ausgabe März 2020) erschien ein zweiseitiger Nachruf, mit einem Beitrag von mir.