In memoriam aeternam (29. Oktober 1939 – 11. Januar 2020): Mein Vater, Peter (Ete) Wiechmann, startete dieses originelle Herzensprojekt kurz bevor er am 11.01.2020 nach einer plötzlichen Hirnblutung verstarb. Don Pedro war für mich viel mehr als mein Vater. Er war mein engster Freund, Vertrauter, Lebensgefährte, Mentor und kluger Impulsgeber. Er lebt in meinem Herzen weiter und ich führe seine Raritätenseite ganz in seinem Sinne weiter. Ben Wiechmann



Peter Wiechmann – ein Streifzug durch 55 Jahre deutsche Comic-Historie.

 

Ein Interview mit Peter Wiechmann aus dem Jahr 2010 –  geführt von Jochen Ecke.

 

Im Gegensatz zu den USA oder Frankreich gab es in Deutschland lange keine wirkliche Comic-Kultur. Die entstand erst durch den intensiven Kontakt mit Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg, beispielsweise mit der Micky Maus-Reihe, die 1951 ihren Anfang nahm. Sie sind 1939 geboren. Inwiefern hat die Zeit unmittelbar nach dem Ende des Kriegs Sie künstlerisch geprägt?

Künstlerisch geprägt ist zu hoch gegriffen. Damals war ich erst sechs Jahre alt. Wir hatten das Riesenglück, mit einem dieser sogenannten letzten Züge aus Schlesien hinaus in die Heimat meiner Mutter nach Eschwege fliehen zu können. Doppeltes Riesenglück, weil bei Eschwege mit drei Kilometern Spielraum dann der Eiserne Vorhang fiel. Wir waren auf der amerikanischen Seite, das heißt, ich bin sozusagen mit den Amerikanern aufgewachsen. Da kam es unausweichlich zu den ersten Begegnungen – Kaugummi, Comics und… (lacht) Truthahn! Fängt leider nicht mit einem „K“-Laut an. Ich stand jedenfalls irgendwann auf der Straße, die von der Kaserne herunter führte, und sprach meinen ersten englischen Satz. Der hieß, „Have you wash?“ Was heißen sollte, „Habt ihr Wäsche für meine Mutter?“ Die Soldiers ließen sich mit ihren dicken Seesäcken voller Schmutzklamotten zu unserem Haus umlenken, und meine Mutter packte den olivfarbenen Arbeits-Drillich der ‚Amis‘ in den Waschkessel. Und ihre Arbeit wurde honoriert mit Kaffee, mit Zigaretten und so weiter - was dann wieder das Zahlungsmittel für alles Lebenswichtige war. Für mich fielen die Comics ab. Sie waren mir hochwertige Tauschware, aber keine Lektüre, weil mir die Texte natürlich verschlossen waren. Die Bilder sagten mir auch wenig; was ich gut in Erinnerung habe, ist der muffige Geruch dieser gummigedruckten Comics und des schlechten Papiers.

 

Erinnern Sie sich noch an Titel?

Ja natürlich. Wonder Woman, oder Wanda Womän, wie ich es damals auszusprechen versuchte. Oder beispielsweise Hopalong Cassidy, Batman, Superman… Wichtig war für mich: die Comics mussten in gutem Zustand sein, denn damit handelte ich mir das ein, was ich wirklich brauchte: Bücher! So gesehen hat sich dieses System generell eigentlich nie geändert: ich tausche Comics gegen das, was ich zum Leben benötige ... Als Junge interessierten mich die Bücherschränke meiner Vettern. Die hatten die gesammelten Heldensagen rauf und runter, dann Fenimore Cooper oder Stevenson. Alle die verschiedenen Robinsons. Aber auch Autoren, die damals kaum einer kannte, wie Ambrose Bierce oder Bret Harte.

 

Sie haben nach Ihrer Ausbildung zum Schriftsetzer und der Bundeswehr ( = zwei Jahre als Reporter einer sehr professionell gemachten Soldatenzeitung) noch eine ganze Weile lang weiter als Journalist gearbeitet. Wie sind Sie dann doch noch zu den Comics gekommen?

1964 las ich in einer Anzeige, dass der Kauka-Verlag einen Redakteur sucht. Ich habe mich beworben und wurde angestellt. Rolf Kauka war eine schillernde, faszinierende, umtriebige, zupackende, unberechenbare Persönlichkeit. Aufbrausend, geduldig, nobel, kleinkariert. Alles in Personalunion. Ich bin einer der wenigen, die unversengt aus dem Fegefeuer seines feudalherrlichen Führungsstils hervorgegangen sind. Einfach, weil Rolf Kauka schnell erkannte: der Wiechmann tut mehr als man ihm ohnehin aufbürdet. Und so erlangte ich im Verlag die absolute Entfaltungsfreiheit. Als ich kam, gab es Fix und Foxi - nichts sonst. Als ich ging, gab es über 20 Titel.

 

Über welchen Zeitrahmen sprechen wir da?

Von 1965/66 – dann gab es eine kleine Unterbrechung, weil der Verleger mir eine zugesagte Gehaltserhöhung von 100.- DM schuldig blieb. Ich kündigte. Ein Jahr später wurde ich zurück geholt, und dann ging es erst richtig los – bis 1978. Nach meinem Kauka-Comeback begann das eigentliche Comic-Machen, und zwar aus den Vollen schöpfend. Je mehr Magazin- und Taschenbuch-Reihen ich mir ausdachte, desto größer wurde der Materialmangel. Und es war blanke Materialnot, die uns dazu brachte, den gesamten franko-belgischen Comic-Raum leer zu kaufen. So ist auch Asterix nach Deutschland gekommen, Lucky Luke oder Die Schlümpfe. Der Serien-Titel Schlümpfe könnte von mir stammen! Hessische Erbschaft: „Du Schlumpf!“

 

Wie sind Sie damals an all diese heute so hochdotierten Lizenzen gekommen?

Vorbereitet hatte das Feld Dr. Norbert Pohl - ein Freund von Rolf Kauka, der leider viel zu kurz im Verlag wirkte. Ich habe dann schnell gemerkt, dass Lizenzen keinen hohen Preis hatten. Die Eigner in Frankreich und Belgien hatten – 1966/67 – zum Glück wenig Gespür für kommerzielle Wertschöpfung. Die landläufige Meinung, dass Asterix schon von Beginn an hoch gehandelt wurde, ist eine Legende. Es war ein Buchhalter bei Dupuis, der die Verhandlungen führte. Der forderte 60 Mark: Alle Print-Rechte samt den Vierfarbfilmen pro Seite. Das war nichts! Und er sagte leicht zweifelnd: „Was wollt ihr eigentlich mit dieser Serie? Das ist eine so typisch französische Sache, ihr könnt doch nicht mal die Wortspiele eins zu eins übernehmen!“ Meinte ich: „Dann nutzen wir eben adäquaten deutschen Witz.“ Vollkommene Übereinstimmung auf beiden Seiten - was Herr Goscinny und Herr Uderzo später nur nicht mehr ganz wahrhaben wollten.

 

Wie kam es dann zu den deutsch-spanischen Eigenproduktionen?

Nun, wir kauften alles auf, und je mehr wir kauften, desto mehr Comics brachten wir auch heraus. Es herrschte Goldgräberstimmung auf dem Comic-Markt und damit im Kauka-Verlag! Ich sicherte uns Rechte in Frankreich, Belgien, Italien, ich kaufte in Spanien, und irgendwann waren die Felder abgegrast ... Ich stieg auf die eigene Produktion um. Das war aus dem Stand heraus recht schwierig, denn die besten und flexibelsten Zeichner fand ich in Spanien: Franco-Spanien! Die Post war vier Wochen unterwegs! Telefongespräche wurden ständig unterbrochen! Ich habe kaum mit deutschen Zeichnern gearbeitet, denn die damaligen deutschen Zeichner waren Grafiker, und ein Grafiker fand es unter seiner Würde, eine Comicfigur zu ‚malen‘. Comic-Machen bedeutete damals wie heute für mich: Mit spanischen Zeichnern arbeiten.

 

Wie sah denn üblicherweise die Vita der Zeichner aus, mit denen Sie damals zusammengearbeitet haben?

Ein werdender Comic-Zeichner in Spanien lief klassischerweise mit zwölf Jahren aus der Schule weg. Er stellte sich dann hinter den Holzschemel eines Meisters im Studio, der da saß und diese furchtbaren Celtas-Zigaretten qualmte. Da gab es kein didaktisches Gespräch zwischen dem Zeichner und dem Lehrling. Der war geduldet - mehr nicht. Er holte Kaffee oder spitzte Bleistifte. Ich sehe die Jungen noch von einem Fuß zum anderen hampeln. Standen da und beobachteten, wie der da unten Bilder entstehen ließ – mit Bleistift oder blauem Buntstift. Und über dieses ständige Sehen und Erkennen ging der Bild-Bildungs-Prozess vor sich: Anatomie-Beherrschung wurde theoretisch verinnerlicht! Und noch fantastischer: über die eingeprägte Anatomie begriff er den Umformungsprozess zu Funny oder Semi-Funny. Reiner Kopfprozess!

Und irgendwann abends, nachts fing die gestaltende Zukunft Spaniens dann an, selbst zu zeichnen: im eigenen Stil.

 

Sie haben eine schier unglaubliche Menge an Comics geschrieben – die heutigen Reprints von Thomas der Trommler, Andrax, Hombre oder Dietrich von Bern sind da wirklich nur die Spitze des Eisbergs. Wie haben Sie das überhaupt geschafft?

Wie schon gestanden: Ich hatte in der Anfangsphase bei Kauka vom Comic-Machen keine Ahnung. Da bekam ich dann die getuschten Originalseiten einer Geschichte hingeschoben und ich wusste nicht einmal, dass die Haupt-Figur ‚Lupo‘ hieß. Der anleitende Kommentar war: „Texten Sie!“ Da rann der Schweiß. Aber ich machte mir Mut: Ja lieber Himmel, hier liegt eine bereits in Bildern erzählte Handlung – halte dich halt an diese narrative Vorgabe und lass die Bilder sprechen! Mit der Zeit ging das Texten dann immer besser. Nicht das Bild erklären, sondern die Handlung per Wort vorantreiben! Sprachwitz ausspielen, Pointen setzen! Weil ich ein sehr schneller Schreiber war, schaffte ich mein Pensum rasch und hatte Zeit, mich um mehr Verantwortung zu kümmern. Nicht nur fertige Geschichten texten, sondern die Geschichten selbst erfinden. Wissen, wie man neue Publikationen strukturiert, produziert, in den Markt bringt.

 

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